Braucht man ein Siegel, um fair zu sein?

Fairer Handel mit dem FairTrade Siegel

Auf ihrer Website Fairer Handel Aktuell berichtet Anna Lefik über die Welt des fairen Handels, und das unabhängig, kritisch und ohne kommerzielle Interessen. “Ich möchte auf meiner Website zeigen, wie facettenreich der faire Markt mittlerweile ist, und dass die Akteure des Fairen Handels in den Entwicklungsländern höchst individuell und engagiert an einem ökonomisch-gesellschaftlichen Wandel in ihrem Land arbeiten.”
Da dieses Thema auch bei Green Cup Coffee im Fokus steht, baten wir Anna um ihre Meinung zum wohl bekanntesten “fairen” Siegel, dem FairTrade Siegel. Da wir selbst ohne das Siegel arbeiten, es aber für viele immer noch der Inbegriff von Verlässlichkeit und Fairness ist, ist ein kritischer Blick hinter die Kulissen ab und an gar nicht schlecht, finden wir. Dass das Konstrukt hinter der Organisation TransFair und ihrem Siegel sehr komplex und bisweilen schwer verständlich ist, merkt jeder, der sich einmal intensiver mit der Thematik befasst hat.

Fairer Handel mit FairTrade

Der Artikel von Anna ist daher nur als erster Einstieg zu sehen, um einen allgemeinen Überblick zu bekommen. Allen Interessierten, die sich weiter mit dem Thema beschäftigen wollen, empfehlen wir die im Text zitierte Studie der Uni Hohenheim. Doch jetzt übergebe ich das Wort zuerst einmal an Anna:

Faire Handelsbeziehungen kommen auch ohne Siegel aus

Der Faire Handel verzeichnet seit Jahren steigende Absatzzahlen und Kaffee gehört zu den wachstumsstärksten Produkten. Das zeigt, dass es einen eindeutigen Trend zu nachhaltigem Kaffeekonsum gibt. Dabei spielt nicht nur der Aspekt eines ökologisch und ethisch produzierten Produktes eine Rolle, sondern die Konsumenten legen zunehmend Wert auf Qualität. Daher haben Kaffeekenner und Genießer schon längst bemerkt, dass fair gehandelter Kaffee „in der Premium-Liga spielt“. Die geschmackliche Bandbreite ist groß, denn jeder Kaffee ist geprägt von einem spezifischen “Terroir” sowie der Weiterverarbeitung.

Auf der Suche nach Fair Trade Kaffees orientieren sich Verbraucher vor allem am Fairtrade-Siegel von Transfair e.V. Diese nationale Siegelorganisation gehört zum internationalen Dachverband Fairtrade Labelling Organizations International (FLO) und vergibt das Fairtrade-Siegel an Händler und Produzenten, wenn sie bestimmte Standards nachweisen können und einhalten. Im Kern umfassen die Standards den direkten Handel ohne Zwischenhändler, Vorfinanzierung, langfristige Lieferbeziehungen, ökologische Standards, die Zahlung eines garantierten Mindestpreises sowie eine Sozialprämie, die so genannte Fairtrade-Prämie. Das Siegel kann mit Sicherheit erste Orientierungshilfe bieten, allerdings kommt man um eine tiefergehende Auseinandersetzung nicht umhin, wenn man sich ein differenzierteres Bild des Fairen Handels machen möchte. Denn der Faire Handel braucht nicht zwingend ein bestimmtes Siegel, um „fair“ zu sein. Ganz im Gegenteil kann die Zertifizierung sogar Nachteile für die Produzenten bedeuten. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie der Uni Hohenheim, die Hunderte von Kaffee Farmern in Nicaragua über mehr als zehn Jahre begleitet hat. (Quelle: Beuchelt, Tina D. / Zeller, Manfred: Profits and povery: Certification’s troubled link for Nicaragua’s organic and fairtrade coffee producers. University of Hohenheim, 2011.)

Demnach diskriminierten die Zertifizierungs-Organisationen “Fair-Trade-Einsteiger”, indem sie sehr hohe Zertifizierungskosten verlangten. Das Ergebnis sei, dass Kaffee-Bauern, die für den Fair-Trade Markt produzierten, sich mit höherer Wahrscheinlichkeit unterhalb der Armutsgrenze befänden. Die Studie zieht daraus den Schluss, dass es sinnvoller ist, weniger auf Zertifizierungsprozesse zu fokussieren, sondern mehr in die Farmen zu investieren – sowohl materiell als auch ideell. In diesem Zusammenhang kann die gelebte Transparenz von fairen Handelsbeziehungen eine bessere Orientierungshilfe für Konsumenten sein, als die bloße Zertifizierung.

Wie steht ihr zur regelrechten Überschwemmung des Marktes mit immer neuen Siegeln, die oft versprechen, was sie nicht halten können? Welches Siegel erscheint euch das vertrauenswürdigste zu sein und warum? Kauft ihr Produkte nach den Siegeln, die sie tragen? Postet eure Meinung einfach hier in den Kommentaren oder schickt uns eine Mail an move@green-cup.de

Kommentare

  1. MCBuhl meint:

    Das immergleiche Problem mit Siegeln und Zertifikaten. Sie kosten Geld, geben aber auch ein stückweit eine Garantie, dass man den Aussagen des Verkäufers/Produzenten/Händlers/… trauen kann (schwarze Schafe ausgenommen)

    Im Prinzip brauche ich kein Fairtrade o.ä. Siegel, wenn ich dem Händler vertrauen kann, dass er den Produzenten fair entlohnt und behandelt. Aber wie soll das in der Praxis gehen? Segafredo sagt, sie bräuchten eine möglichst stabile Qualität, daher müssten sie schon aus Eigeninteresse fair spielen. Andererseits stehen ihre Kaffees im Regal neben Tchibo & Co. in direktem Wettbewerb. Ein sehr schmaler Grat. Am Ende muss dem Verbraucher immer klar sein, dass er möglichst mit den niederen Instinkten, hier Gier, genauer Geldgier, der Händler und Veredler rechnen muss, dass also im Zweifel die Produzenten zu leiden haben, wenn das Verhältnis Umsatz zu Ertrag nach Steuern in keinem dem Verkäufer wünschenswerten Verhältnis steht.

    Gegen das ganz freie Spiel der Marktmächte helfen nur Regeln, die die Rahmenbedingungen für’s Geschäftemachen festlegen. Welchen nachprüfbaren Rahmen außer diverse Zertifizierungen wie Fair Trade gibt es im Kaffeehandel?

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