Kaffee-Siegel – Welches hält was es verspricht? Fairtrade

Inzwischen gibt es einen Dschungel von Kaffee-Siegeln in Deutschland und kaum einer hat mehr den Durchblick, was sie im Einzelnen bedeuten. Ist wirklich wo Bio drauf steht auch Bio drin? Ist Kaffee mit dem FairTrade Siegel auch wirklich Fairtrade? Diese Fragen habe ich mir auch gestellt und tagelang recherchiert. Das Ergebnis möchte ich Euch kurz vorstellen. Leider, und das möchte ich vorwegnehmen, gibt es kein Siegel, das komplett überzeugt hat, sondern jedes hat seine Schwachstellen. Ich beginne mal mit dem Fairtrade Siegel:

Fairtrade setzt sich vor allem für die sozialen Standards der Kaffeebauern ein. Besonders wird die sichere, transparente und nachhaltige Preiszusammensetzung hervorgehoben. Der Kaffeebauer soll einen gesicherten Preis für seinen Kaffee erhalten, der unabhängig ist von Schwankungen an der Börse. Doch ganz ehrlich… trotz meiner Bemühungen blicke ich leider immer noch nicht ganz durch, denn transparent ist das Fairtrade Siegel nicht wirklich. Immerhin konnte ich das hier herausfinden:

1. Wie funktioniert das mit dem Mindestpreis genau?

Ja, es gibt einen Mindestpreis, der für Kaffee bezahlt werden muss. Obwohl aber Fairtrade nach langer Zeit den Mindestpreis dieses Jahr auf 1,40$ erhöht hat, liegt er immer noch deutlich unter dem momentanen Marktpreis von 2,44$. Um dagegen vorzugehen hat Fairtrade eine Sperrklausel eingeführt, so dass die Kaffeebauern immer mindestens den Marktpreis erhalten müssen. Doch dafür, dass Fairtrade mit ihrem hohen Mindestpreis wirbt, ist dieser eigentlich ganz schön niedrig… Außerdem: wer garantiert mir, dass das Geld auch wirklich bei den Kaffeebauern angelangt? Hier schafft Fairtrade immerhin absolute Transparenz, weil jeder einzelne Handelsschritt vom Produzenten bis zum Konsumenten von Fairtrade oder FLO, eine ihr angeschlossene Organisation, überwacht wird.

Wie finanziert sich die Organisation “Fairtrade”?

Fairtrade erzielt ihren Umsatz nicht durch die Kaffeebauern, sondern zum Großteil durch Lizenzen von den Händlern. Je nach Produkt muss der Händler einen bestimmten Preis zahlen, um dieses mit dem Siegel kennzeichnen zu dürfen. Für Kaffee liegt dieser Lizenzpreis momentan bei 0,22€ pro kg. Somit kommen in diesem Punkt zum Glück keine Zusatzkosten auf den Kaffeebauern zu. Leider ist das aber auch die einzig gute Nachricht im Hinblick auf die Kosten, weil es relativ hohe Zertifizierungskosten gibt.

Und was zahlt der Kaffeebauer?

Die Zertifizierungskosten sind abhängig von der Art der Organisation, der man als Kaffeebauer angehört. Die Fees werden in Bewerbungs-, anfängliche und jährliche Kosten eingeteilt. Sowohl die anfänglichen, als auch die jährlichen Kosten werden unterteilt in:

  • Basic Fee
  • Basic Fee for Affiliated Member Organisations
  • Additional Product Fee
  • Processing Installation Fee
  • Subcontracted Entities

Und das ist nur die grobe Einteilung der Kosten! Die Details könnt Ihr, wenn ihr wollt, hier nachlesen. Hier ein Beispiel für mögliche Anfangskosten einer Kaffeeorganisation, um ein Gefühl für die Komplexität zu bekommen:

Blickt Ihr durch? Glückwunsch! Ich nicht…

Aber zurück zum Schaubild: 2.870€ klingt doch nach gar nicht so viel oder? Naja, wenn man weiss, dass ein Kaffeebauer in Äthiopien im Jahr ca. 1050$ bzw. 730€ verdient, ist das viel! Okay, weil sich die Bauern zu Organisationen zusammen schließen müssen, relativieren sich die Kosten. Wenn man in einer Organisation, wie in dem Beispiel von 200 Kaffeebauern tätig ist, müsste man, bei gerechter Aufteilung, noch knapp 2% des Jahresgehalts für die Anfangsgebühren, jährliche Gebühren nicht miteinbezogen, zahlen! Das ist fair! Aber überblicke ich nochmal diesen Wust an Gebühren oben, dann wird mir schwindelig – wie muss es da bloß einem Kaffeebauern in Mexiko gehen? Ohne überheblich klingen zu wollen – aber der hat unter Umständen keine so umfangreiche Schulbildung genossen wie ich….

Der Versuch eines Fazits

Warum sollte also ein Kaffeebauer diese Kosten auf sich nehmen, wenn er sowieso aktuell nur den Marktpreis erhält? Warten bis der Marktpreis unter dem Fairtrade Mindestpreis liegt? Weil man als Organisation auftritt? Also eine richtig gute Antwort fällt mir nicht ein…außer der, dass dahinter natürlich Marketing steckt: Denn immerhin erkauft sich der deutsche Konsument mit einem zertifizierten Kaffee ein gutes Gewissen, oder nicht? Der Anteil an Fairtrade zertifiziertem Kaffee stieg 2010 in Deutschland um ganze 26%. Der Anteil am gesamten Kaffeemarkt liegt zwar bei nur 2%, aber die Wachstumskurve geht dennoch merklich nach oben. Das heißt, dass die Organisation Fairtrade eine satte Prämie von 1.404.000 € erwirtschaftet hat. Aber hat auch der Kaffeebauer von dem Wachstum profitiert? Vielleicht könnt Ihr es mir verraten?

Kommentare

  1. Clemens meint:

    Toller Artikel. Sehr informativ. Danke

  2. Jörg meint:
  3. Kaffeeprojekt meint:

    Der Dschungel an Fairtrade-Siegeln ist tatsächlich ziemlich undurchsichtig. Direkt gehandelten Kaffee halte ich da auch für interessanter – siehe z.B. Happy Coffee. Noch besser fände ich es allerdings, wenn den Bauern die Möglichkeit gegeben wäre ihren Kaffee selber direkt zu verkaufen.

    D.h. eine vertikale Integration vom Anbau bis zum Vertrieb. Die Frage ist, wie setzt man soetwas um und ist es auch wirklich sinnvoll (vom Spezialisierungsgedanken der Volkswirtschaftslehre aus betrachtet)?

  4. faireni meint:

    Der Artikel ist in der Tat sehr informativ….und die Tabelle, ich verstehe sie auch nicht und Gott weiß ich habe es versucht! Die Siegel….ja das hast du richtig formuliert, die beruhigen ungemein das Gewissen, auch wenn sie nicht die Transparenz bitten die man gerne hätte. Es geht aber auch anders wenn man sich die Mühe macht, findet man auch Unternehmen die kein Siegel haben und trotzdem fair handeln. Als wir Kaffee in unserem Sortiment hatten haben wir mit El Puente gearbeitet…kein Siegel fairer Handel!

    • annika meint:

      Ja, genau so sehen wir das auch! Wir handeln unsere Kaffees 100% transparent, die Rohkaffeepreise haben mit Börsenpreisen gar nichts mehr zu tun und sind darum sowieso viel höher als der Fair Trade Preis. Und da wir zudem wissen, wer die Plantagenbesitzer sind und diese direkt kontaktieren, ist das absolut fair.

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